
Nichts Weißes
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Sie schläft, und sie träumt, dass sie schläft. Sie muss nichts tun, und sie kann nichts tun. Es ist nicht auszumachen, ob sie gefesselt ist oder ob sie schwebt. Und wer da singt, welcher Chor da singt, den immergleichen Akkord ohne Pausen. Die Zeit steht still, das Schicksal hebt die Schultern und lässt sie wieder sinken. Alle Welt flüstert.
Ihr Gesicht ist schmal, aber nicht klein, man ahnt die Knochen. Die Schläfen haben einen hellen Schimmer. Ihre Nase zeigt spitz in den Himmel der Kabine. Aus dem Gedächtnis gezeichnet, würde man ihr einen schmalen Mund andichten. In der Tat hat sie helle, rotblaue Lippen von feiner Gestalt, konturiert von einem scharfen Zug, links mehr als rechts, obwohl rechts verdeckt ist durch das Kissen. Man sieht ihr die Anstrengung an, wenn man weiß, dass sie erst fünfundzwanzig ist. Wenn wir könnten, würden wir sie berühren.
Berühren, durchaus. So wie der Junge im Sitz neben ihr, der seinen Arm nach ihr ausstreckt, die Hand schon ihre Wange nachformend, dann zögert. Er streichelt sie nicht. Er lässt sich zurückplumpsen in den Sitz und schaut sich um. In seinen braunen Augen spiegelt sich die Welt, zweimal. Er wacht über sie, die schläft.
- Жанр
- Современная русская и зарубежная проза
- Издание
- Suhrkamp Verlag, 2012
- Язык
- de
- Размер FB2
- 483,3 КБ
- Добавлена