
Abendland
Скачать
Начало книги
Meinen ersten Hund mit blauen Augen sah ich, da war ich neun. Ich spazierte mit Carl und Margarida über die Kärntnerstraße, vor dem Kaufhaus Steffl lag er, an einen Fahrradständer gebunden, wartete auf seinen Herrn oder seine Dame, die vielleicht Geschenke einkauften, denn es war kurz vor Weihnachten. Um ihn herum hatte sich ein kleiner Kreis von Menschen gebildet. Eine Frau schob ihr Töchterchen nach vorn und sagte:»Schau ihn dir an, er ist der Schönste!«Der Hund stemmte sich auf die Vorderpfoten, richtete sich langsam auf und kam heran, soweit es seine Leine zuließ. Die Frau hielt ihm ihr Mädchen entgegen, als habe sie es nur für ihn so herausgeputzt, das rosa Mäntelchen, die rosa Stiefelchen und die rosa Schleifen an den Zöpfen. Aber der Hund mit den blauen Augen hatte kein Interesse an der Frau und keines an dem Kind; er hob den Kopf und blickte Carl an. Nur ihn. Pfeilgerade in seine Augen starrte er. Und Carl starrte zurück. Und die Leute blickten von Carl zu dem Hund, von Carls blauen Augen zu den blauen Augen des Hundes. Ich stellte mich vor Margarida, sie zog ihre Handschuhe ab und wärmte meinen Nacken mit ihren Händen.»Gleich zeigt er uns etwas«, flüsterte sie mir ins Ohr. Carl bewegte seinen Kopf langsam nach links, der Hund folgte mit seinem Kopf; Carl bewegte den Kopf nach rechts, der Hund zeichnete seine Bewegung nach. Und wieder hin und wieder her. Nun schritt Carl den Halbkreis ab, erst nach rechts, dann nach links — der Hund folgte ihm mit gespannter Leine. Am Ende standen sie sich wieder gegenüber und blickten einander in die Augen. Carl ging in die Hocke und beugte sich weit vor, so daß sein Gesicht nahe bei der Nase des Hundes war. Der Hund gab keinen Laut von sich, er schloß langsam die Augen, öffnete sie wieder.
- Жанр
- Современная русская и зарубежная проза
- Издание
- Hanser, 2007
- Язык
- de
- Размер FB2
- 1,7 МБ
- Добавлена